Wir wollen gesund nach Hause laufen

Annemarie Gross und Tamara Lunger gehen als „GORE-TEX Active Women Team“ beim TRANSALPINE RUN an den Start

Die erfahrene Trailrunnerin Annemarie Gross (43) und die Bergsteigerin Tamara Lunger (27) treten im Team beim GORE-TEX Transalpine Run 2013 an. Während Annemarie den 260 Kilometer langen Extremlauf bereits dreimal sehr erfolgreich absolviert hat, betritt Tamara beim 8-tägigen Rennen über die Alpen Neuland. In einem Interview sprechen die beiden sympathischen Südtirolerinnen über Training und Vorbereitung, Strategie und Regeneration und wie motivierend es ist, jeden Tag seiner Heimat ein Stück näher zu kommen.

Ein Interview von Johanna Stöckl

Heute schon gelaufen, Tamara?

Tamara (Lacht) Noch nicht. Ich bin gerade auf der Hütte meiner Eltern, also am Latzfonser Kreuz in Südtirol, wo ich für meine Schwester einspringen und ihren Dienst übernehmen musste. Nach dem Mittagsgeschäft werd’ ich noch eine Runde hier oben laufen.

Wieso nimmst du am GORE-TEX Transalpine Run teil bzw. was macht für dich den Reiz aus?

Tamara Als Leichtathletin bin ich früher Mittelstrecken gelaufen. Ausdauersport hat mich also immer schon gereizt. Knieprobleme haben mich aber zum Aufhören gezwungen. Aber ich hatte immer im Hinterkopf, einmal bei einem richtig langen Rennen mitzumachen. Vor eineinhalb Jahren hab ich eine Schmerztherapie gefunden, die mir extrem geholfen hat. Ich fühle mich endlich imstande so ein Rennen anzugehen. Insofern bin ich überglücklich, dass ich jetzt mit Annemarie starten kann.

Hattest du eine schwere Knieverletzung?

Tamara Nein, ich hatte keine Verletzung. Alle Knochen und Bänder sind heil, aber ich kämpfe mit einer angeborenen Fehlstellung. Außerdem hab ein wenig Arthrose im Knie und auch schon oft Entzündungen gehabt.

Variiert die Streckenführung beim GORE-TEX Transalpine Run jährlich?

Annemarie Dieses Jahr werden ein paar neue Dörfer angelaufen. Dadurch hat sich die Strecke ein wenig verändert. Aber ansonsten sind die Strecken eigentlich immer ähnlich. Je nachdem, ob es über den Westen oder Osten nach Südtirol geht.

Heißt, du kennst einige Etappen schon?

Annemarie (Lacht) Also ganz genau hab’ ich mir die Strecke noch gar nicht angeschaut, aber einen Großteil der Strecke müsste ich eigentlich schon gelaufen sein.

Wie bereitest du dich auf dein erstes Mal vor?

Tamara Über meine Bergexpeditionen trainiere ich ohnehin viel im Ausdauerbereich. Aber jetzt mache ich natürlich gezielt auch dreimal die Woche längere Läufe.

Länger heißt?

Tamara Auch mal 30 oder 50 Kilometer in den Bergen. Das schlaucht mich momentan ganz schön, denn bei der Arbeit auf der Hütte bin ich ja auch mehr oder weniger den ganzen Tag am Rennen.

Ist das nicht zuviel für deinen Körper?

Tamara Annemarie meinte kürzlich, ich soll ruhig wieder ein bisschen weniger trainieren bzw. mich nun eher auf kürzere Strecken fokussieren, die dafür etwas schneller laufen, um insgesamt spritziger zu werden.

Welches Ergebnis traust du euch zu?

Annemarie In erster Linie bin ich happy, wenn wir beide ohne Verletzung durchkommen. Aber wir beide können durchaus für eine Überraschung sorgen. Tamara und ich kennen uns ja schon einige Jahre. Wir funktionieren sehr gut im Team. Tamara ist außerdem recht gut drauf. (Lacht) Ich muss sie vielleicht ein wenig einbremsen, damit sie nicht zu schnell losstartet.

Trainiert man eher alleine oder auch im Team?

Tamara Ich trainiere viel alleine, da Annemarie ja Vollzeit arbeitet und in Meran, also nicht direkt um die Ecke wohnt. Sie läuft außerdem am Abend, während ich untertags mehr Zeit habe. Aber wir haben kürzlich auch gemeinsam trainiert. Annemarie konnte mir ein paar wichtige Tipps geben.

Warum läufst du mit Annemarie?

Tamara Wir kennen uns von vielen Skitouren-Rennen, an denen wir beide teilgenommen haben. Wir sind ein gutes Team. Bei diesem Projekt allerdings hat Annemarie eindeutig mehr Erfahrung als ich. Ich lerne viel von ihr.

Es gibt ja bei diesem Rennen Zeitlimits. Was passiert eigentlich, wenn man bei einer Etappe dieses nicht halten kann?

Annemarie Dann brummt man dir die schlechteste Zeit, die an diesem Tag gelaufen wurde, auf. Aber man kann natürlich trotzdem weiterlaufen. Sollte der Veranstalter aber sehen, dass man ernsthafte Probleme hat, wird man aus dem Rennen genommen. Es gibt klare Regeln, auch was Abkürzungen betrifft. Es gibt Zeitstrafen. Jeder weiß, wie er sich während des Rennens zu verhalten hat.

Verfolgt ihr beide eine Strategie?

Tamara Mein persönliches Ziel ist, in Südtirol ankommen. Dass ich mir überhaupt nach so vielen Jahren mit großen Schmerzen eine Teilnahme zutraue, ist schon ein großer Sieg. Am ersten Tag sieht man einmal, wo man im Feld ungefähr liegt. Dann kann man das Ziel neu definieren. Will man den Platz halten oder sich gegebenenfalls nach vorne verbessern.

Wie sieht eine gute Regeneration nach den jeweiligen Tagesetappen aus?

Annemarie Sich erstmal gut verpflegen, also viel essen und trinken, ist das Um und Auf. Das gilt im Übrigen natürlich auch während des Laufens. Man muss sich für die Verpflegung einfach Zeit nehmen. Im Ziel ist es dann natürlich wichtig, gut zu dehnen. Dann ab in die Dusche. Danach Füße gut eincremen. Und am nächsten Tag muss man langsam ins Rollen kommen, auf seinen Körper hören und ihn nicht gleich überfordern.

Wie behandelt man seine geschundenen Füße nach einer harten Tagesetappe? Stehen euch Physiotherapeuten oder Masseure zur Verfügung?

Annemarie Wir erholen uns selbständig. Wir haben keinen eigenen Masseur dabei, werden uns aber gelegentlich vom offiziellen Physioteam des Veranstalters massieren lassen. Wenn es an einem Etappenort ein Schwimmbad hat, besuchen wir das vielleicht einmal oder setzen uns in einen Whirlpool.

Wo erwartest du die größten Schwierigkeiten?

Tamara Für mich ist alles Neuland, ich kenne keine der acht Etappen. Annemarie hat da wesentlich mehr Erfahrung. Ich lasse mich überraschen und gehe mit wenig Erwartung in dieses Rennen. Ich freue mich einfach ganz gewaltig.

Du warst schon öfter dabei. Hat jeder Teilnehmer irgendwann ein Tief?

Annemarie Freilich wird es von Tag zu Tag schwerer. Es schmerzt und zwickt schon an der einen oder anderen Stelle. Manchmal dauert es einfach länger bis man wieder so richtig ins Rollen kommt. Dann ist es wichtig, dass man als Team gut zusammenarbeitet.

Wie kann dir Tamara in so einer Situation helfen?

Annemarie Wir beide haben ja schon einige Rennen im Winter beim Skibergsteigen gemeinsam bestritten und kennen uns sehr gut. Ich kann mich voll auf Tamara verlassen. Sollte ich einmal down sein, wird sich auch Tamara einbremsen. Umgekehrt weiß ich auch, wie ich Tamara unterstützen und motivieren kann.

Welche Tipps hat dir Annemarie für diesen Extremlauf gegeben?

Tamara Annemarie ist sehr erfahren und kennt gewisse Tricks, die mir als Nichtinsider dieser Szene völlig neu sind. Insofern kann ich jetzt viel lernen. Ich bin für alles offen und werde mein Bestes geben. Außerdem wirkt Annemarie ohnehin immer wie Medizin auf mich. Es macht mich richtig glücklich, dass wir gemeinsam teilnehmen können. Mit dieser Einstellung ist vielleicht ein gutes Resultat möglich.

Wo nächtigt ihr eigentlich bei diesem Rennen?

Annemarie Mal in einer Pension, aber wir werden auch zwei- dreimal in einer Turnhalle im Schlafsack schlafen.

Wo siehst du, Tamara, deine Vorteile?

Tamara Ich bin als Bergsteigerin ja doch sehr geländegängig. Das habe ich einem guten Läufer, der sonst eher im nichtalpinen Raum unterwegs ist, voraus. Also rein technisch bin ich sicherlich im schwierigen Gelände auch ein klein wenig im Vorteil. Kürzlich war bei uns in Südtirol ein Ultrarace Rennen. Bei diesem habe ich mich einmal in einer Damenstaffel über 60 Kilometer versucht.

Und?

Tamara Dafür, dass ich erst eine Woche zuvor von einer Expedition zurückkam, war’s richtig gut. Ich bin für meine Verhältnisse richtig super gelaufen, war mit der Zeit zufrieden und habe eine große Motivation und auch ein bisschen Zuversicht für den Transalpine Run geschöpft. Annemarie hat übrigens die lange Distanz bei den Damen gewonnen.

Wie lange hast du beim ersten Ultrarace in Süditrol für die 121 km und 7.000 Höhenmeter durch die Sarntaler Alpen gebraucht?

Annemarie Ich war 22 Stunden und 14 Minuten am Stück unterwegs.

Wie hält man das nur ohne Pause durch?

Annemarie Man macht kurze Pausen, um sich zu verpflegen oder um die Schuhe oder das T-Shirt zu wechseln, aber sonst läuft man durch. Über die Jahre habe ich auf diesem Gebiet viel Erfahrung gesammelt. Auch ich habe klein angefangen.

Hat man nach ein paar Tagen nicht furchtbare Schmerzen oder geschwollene Füße am Morgen? Wie kann man sich überwinden, die Laufschuhe wieder anzuziehen?

Annemarie Wenn es mal irgendwo ein bisserl zwickt, braucht es schon ein wenig Motivation, um die Schuhe wieder anzuziehen. Aber weißt du, Tamara und ich, wir laufen ja schließlich nach Hause. Das Rennen endet in Südtirol und mit jedem Tag kommen wir unserer Heimat näher. Dort warten viele Freunde und Bekannte auf uns. Das ist Motivation genug.

Läuft man eigentlich mit Rucksack?

Tamara Man trägt seine Pflichtausrüstung im Rucksack. Sind Niederschläge gemeldet, muss man die Anweisungen des Orgateams befolgen und beispielsweise eine lange Hose oder eine GORE-TEX Active Jacke mit in den Rucksack packen. Für den Transalpine Run werde ich sicherheitshalber die Alpine Project Jacket, eine GORE-TEX Active Jacke von The North Face mitnehmen.

Und wie sieht die Pflichtausrüstung aus?

Annemarie Die Pflichtausrüstung wird täglich kontrolliert. Erste Hilfe-Kid, Handy, Rettungsdecke, Riegel, Gel und ein Getränk. Je nach Wettervorhersage müssen auch Mütze und Handschuhe in den Rucksack. Es gibt jeden Morgen ein detailliertes Briefing zur kommenden Etappe.

Deine beste Platzierung bisher beim Transalpine Run?

Annemarie Mit Irene Senfter im Team haben wir 2006 und 2007 jeweils gewonnen. Mit meinem Bruder 2009 im Mixed Team belegten wir den dritten Platz.

Du gehst also mit superguten Erfahrungen und Topplatzierungen im Rücken ins Rennen.

Annemarie Ich werde viele alte Bekannte und Freunde treffen. Beim GORE-TEX Transalpine Run herrscht immer eine ganz tolle Atmosphäre. Darauf freue ich mich am meisten.

 

Über den GORE-TEX Transalping Run 2013

Dauer: 8 Tage
Gesamtstrecke: 261,30 Kilometer, 15.879 Höhenmeter im Aufstieg,
15.058 Höhenmeter im Abstieg

1. Etappe: Oberstdorf (GER) – Lech a. Arlberg (AUT)
2. Etappe: Lech am Arlberg (AUT) – St. Anton a. Arlberg (AUT)
3. Etappe: St. Anton a. Arlberg (AUT) – Samnaun (CH)
4. Etappe: Samnaun (CH) – Scuol (CH)
5. Etappe: Scuol (CH) – Bergsprint
6. Etappe: Scuol (CH) – St. Valentin a. Reschenpass (ITA)
7. Etappe: St. Valentin a. Reschenpass (ITA) – Sulden (ITA)
8. Etappe: Sulden (ITA) – Latsch (ITA)
Weitere Infos unter www.transalpine-run.com